Wie werden Wirtschaftsprognosen erstellt?


Wirtschaftsforschung erklärt.


In regelmäßigen Abständen sind den Nachrichten aktuelle Wirtschaftsprognosen zu entnehmen: Doch wie werden Wirtschaftsprognosen erstellt?
Stefan Schiman ist Konjunkturforscher am Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) und er erklärt im Greenhorn Science Podcast, wie Wirtschaftsprognosen erstellt werden.

Grundbegriffe der Wirtschaftsforschung

Das Auf und Ab der Wirtschaftsleistung bezeichnet man als Konjunktur. Ein Konjunkturzyklus betrifft alle Bereiche der Wirtschaft gleichzeitig. Konjunkturzyklen und Konjunkturphasen können dabei unterschiedlich lange andauern, erklärt Stefan Schiman vom WIFO.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist der wichtigste Indikator der Wirtschaftsprognose. Es ist die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr in einem Land hergestellt werden.
Daneben gibt es auch andere Indikatoren, die den Wohlstand in einem Land mitunter besser beschreiben als das BIP. Ein Beispiel hierfür ist das reale BIP. Dieses berücksichtigt nicht nur die Wirtschaftsleistung, sondern auch die gleichzeitige Preisentwicklung (Inflation).

Die Wirtschaftsprognose trifft Vorhersagen für alle Wirtschaftssektoren, also den Primären Sektor (= Landwirtschaft), den Sekundären Sektor (= Industrie) und den Tertiären Sektor (= Dienstleistungen).

Geht Wirtschaft ohne Wachstum?

Wirtschaftswachstum entsteht daraus, dass wir Menschen immer nach Verbesserung und Effizienzsteigerung streben. Die Frage, ob Wirtschaft ohne Wachstum geht, beantwortet der Experte vom WIFO so, dass Wirtschaftswachstum in einer gesunden Gesellschaft einfach „passiert“ und auch einige Vorteile mit sich bringt:

  • Wirtschaftswachstum verringert Armut.
  • Sozial benachteiligte Personen werden durch Wirtschaftswachstum leichter in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft eingegliedert.
  • Der steigende Bedarf an Sozialleistungen (z.B. Pflegebedarf durch die steigende Lebenserwartung) wird durch Wirtschaftswachstum erst finanzierbar.

Anders ausgedrückt könnte man sagen: Wirtschaft ohne Wachstum geht, allerdings müssten wir dann Abstriche bei der sozialen Ausgewogenheit in Kauf nehmen. Eine große Herausforderung für Gegenwart und Zukunft ist es, das Wirtschaftswachstum ökologisch verträglich zu gestalten.

Was sagen Wirtschaftsprognosen voraus?

Wirtschafts- bzw. Konjunkturprognosen versuchen, die zukünftige Entwicklung der Wirtschaftsleistung auf Basis von Analogien aus der Vergangenheit vorherzusagen – ähnlich wie bei einer Wettervorhersage.

Diese Vorhersagen werden u.a. für politische und wirtschaftliche Entscheidungen genutzt, z.B. im Finanzministerium, in der Nationalbank oder in der Wirtschafts- & Arbeitnehmer*innen-Vertretung.

Die Konjunkturprognose beinhaltet alle wesentlichen Aspekte der Wirtschaft, d.h. zum einen das gesamtwirtschaftliche Wachstum aus drei Perspektiven (Wie ist das BIP entstanden, wie geben wir es aus und wie wird es verteilt?); und zum anderen Prognosen über den Arbeitsmarkt, Löhne, den Staatshaushalt, Preisentwicklungen, Geldpolitik und den CO2-Ausstoß

Welche Daten fließen in Wirtschaftsprognosen ein?

In die Wirtschaftsprognose fließt eine Vielzahl an statistischen Daten, Befragungsergebnissen und Expert*innenmeinungen ein.

Eine Schwierigkeit bei der Vorhersage von Konjunkturverläufen ist, dass Wirtschaftsdaten i.d.R. nicht tagesaktuell vorliegen, wie dies z.B. bei meteorologischen Messdaten für den Wetterbericht der Fall ist. Daher müssen auch für die Berechnungsgrundlagen der Wirtschaftsmodelle erst mal Annahmen getroffen werden (sog. „Now-Casting“).

In dieses Now-Casting fließen z.B. Daten wie bargeldlose Transaktionen, Gütertransportleistung, Passagierflüge, Stromverbrauch, Google-Mobilitätsdaten, Schadstoffemissionen usw. ein.

Alle Daten werden in ein komplexes mathematisches Modell eingespeist, das dann für die unterschiedlichen Bereiche der Prognose Mittelwerte und Standardabweichungen ausspuckt.

Die Ergebnisse werden anschließend in Expert*innenrunden diskutiert. Uneinigkeiten der Expert*innen werden in der schlussendlich veröffentlichten Wirtschaftsprognose berücksichtigt und im Text beschrieben.

Fazit

Die Erstellung von Wirtschaftsprognosen ist kompliziert. Es fließen viele statistische Daten und Expert*innenmeinungen ein und auch wenn in den Nachrichten oft nur eine einzelne Zahl – nämlich die erwartete Entwicklung des BIP – kommuniziert wird, ist die Prognose in Wahrheit wesentlich umfangreicher und gibt auch einen statistischen Fehlerbereich an, innerhalb dessen sich die Konjunktur bewegen wird.

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